Brüssel -Politik hautnah!

von Uwe Warnken

Auf Ein­la­dung des Bre­mer Abge­ord­ne­ten im Euro­päi­schen Par­la­ment, Joa­chim Schus­ter, mach­te sich bei eisi­gen Tem­pe­ra­tu­ren eine Grup­pe Bre­mer Poli­tik­in­ter­es­sier­ter per Bus auf den Weg nach Brüs­sel. Teil­neh­mer waren neben einer Grup­pe vom Sozi­al­ver­band Deutsch­land (SoVD) aus Hemelin­gen, Mahn­dorf und Arber­gen und SPD-Mit­glie­dern aus dem Bre­mer Wes­ten auch eini­ge Mit­strei­te­rin­nen und Mit­strei­ter aus dem Aus­schuss für inter­na­tio­na­le Ange­le­gen­hei­ten in der LO Bre­men der SPD (AIA).
Wäh­rend der Nach­mit­tag des ers­ten Tages in ers­ter Linie mit einem Stadt­rund­gang mit Stadt­füh­rer Erik Wau­ters tou­ris­tisch gestal­tet war, begann am nächs­ten Mor­gen das eigent­li­che poli­ti­sche Pro­gramm. Bei Betre­ten aller Gebäu­de mit EU-Akti­vi­tä­ten fand eine Sicher­heits­kon­trol­le statt, die der auf den Ver­kehrs­flug­hä­fen in nichts nach­stand.

Europäische Parlament

Für die AIA-Grup­pe war ein Gespräch mit Nor­bert Neu­ser, MdEP, aus Mainz ver­ein­bart wor­den. Nor­bert Neu­ser ist der Bericht­erstat­ter der S&D-Fraktion (Socia­lists & Demo­crats) im Euro­päi­schen Par­la­ment (EP) im Aus­schuss für Ent­wick­lungs­zu­sam­men­ar­beit. Außer­dem war er meh­re­re Jah­re Spre­cher der inter­frak­tio­nel­len Par­la­men­ta­ri­er­grup­pe zur Unter­stüt­zung der Unab­hän­gig­keits­be­mü­hun­gen der DARS (West­sa­ha­ra), wel­che seit Jahr­zehn­ten durch Marok­ko mili­tä­risch besetzt ist. Aktu­ell wird die inter­frak­tio­nel­le Grup­pe von einer schwe­di­schen Genos­sin geführt. Zur West­sa­ha­ra-Fra­ge führ­te Nor­bert Neu­ser zwar das Schei­tern eines Besuch­ver­suchs des EP in 2012 an, aber auch die Erfol­ge vor dem EuGH zur Rela­ti­vie­rung des Han­dels- und Fische­rei­ab­kom­mens zwi­schen der EU und Marok­ko. Dem­nach sind Pro­duk­te aus den besetz­ten Gebie­ten nicht durch das Han­dels­ab­kom­men abge­deckt. Wich­tig bspw. für die Tat­sa­che, dass rund 90% des gesam­ten Fisch­fangs vor der Küs­te der DARS und nicht Marok­ko zuge­rech­net wer­den müss­ten. Bedau­er­lich ist, dass selbst die S&D- Frak­ti­ons­mit­glie­der aus Frank­reich weit- gehend für eine Unter­stüt­zung Marok­kos sind, wäh­rend sich die Spa­nie­rin­nen und Spa­ni­er aus der Frak­ti­on wegen der Flücht­lings­pro­ble­ma­tik (Ceu­ta und Melil­la) „weg­du­cken“. Ein Pro­blem besteht in der Tat­sa­che, dass Alge­ri­en zwar den Sahrauis Sicher­heit in den Flücht­lings­la­gern bie­tet, die­se aller­dings auch immer wie­der in Gesprä­chen mit dem unge­lieb­ten Nach­barn Marok­ko aus Eigen­in­ter­es­se benutzt. In der nach­fol­gen­den inten­si­ven Dis­kus­si­on wur­den noch eine viel­leicht rea­lis­ti­sche­re Poli­tik Emma­nu­el Macrons in Kolo­nia­lis­mus­fra­gen sowie die Ernen­nung des ehe­ma­li­gen Bun­des­prä­si­den­ten Horst Köh­ler zum UN-Son­der­ge­sand­ten für die West­sa­ha­ra ange­spro­chen. Eine ein­ver­ständ­li­che Lösung über ein föde­ra­ti­ves Staats­sys­tem, bestehend aus Marok­ko und der DARS, wird von der Poli­sa­rio (recht­mä­ßi­ge Ver­tre­tung des sahraui­schen Vol­kes) abge­lehnt. Zur­zeit schwin­det auch die Unter­stüt­zung durch die Afri­ka­ni­sche Uni­on (AU) für die Poli­sa­rio, weil Marok­ko sich als Ersatz für den Ex- För­de­rer Ghad­af­fi aus Liby­en anbie­tet. Und Geld regiert eben die Welt!

Visi­tor Group Nor­bert Neu­ser (3. von rechts)

Zum The­ma Afri­ka ins­ge­samt wur­de die Rol­le von Inves­ti­tio­nen Chi­nas in die Infra­struk­tur ins­be­son­de­re in Ost­afri­ka an- gespro­chen. Zur­zeit wird die Situa­ti­on vom EP laut Nor­bert Neu­ser ent­spannt gese­hen. Wenn Chi­na ger­ne Inves­ti­tio­nen in die Infra­struk­tur tätigt, das heu­te durch- aus kei­ne Arbeits­kräf­te mehr außer für Lei­tungs- und Pla­nungs­auf­ga­ben mit­bringt, wird die­ses von der EU begrüßt. Man kann dann sei­ne eige­nen Inves­ti­ti­ons­be­mü­hun­gen mehr auf eine wer­te­ori­en­tier­te Ent­wick­lungs­zu­sam­men­ar­beit kon­zen­trie­ren (u.a. Bil­dungs- und Gesund­heits­po­li­tik sowie Unter­stüt­zung der Zivil­ge­sell­schaft und von Demo­kra­ti­sie­rungs­maß­nah­men). In die­sem Zusam­men­hang wur­de sei­tens der AIA- Akti­vis­ten aus Bre­men auf die der­zeit lau­fen­de Dis­kus­si­on zu Abwas­ser­fra­gen (Nut­zung von Gebüh­ren und Abga­ben) hin­ge­wie­sen. Auch die zuneh­men­de Wüs­ten­bil­dung wur­de noch ein­mal ange­spro­chen.

S&D Fraktionssitzung

Zwei­ter Punkt des Tages­pro­gramms war der Besuch einer Sit­zung der S&D Frak­ti­on zur Vor­be­rei­tung der am Nach­mit­tag anste­hen­den Ple­nums­de­bat­te im Euro­päi­schen Par­la­ment. Die Bre­mer Besu­cher wur­den als Gäs­te von Joa­chim Schus­ter MdEP vom stell­ver­tre­ten­den Frak­ti­ons­vor­sit­zen­den, Udo Bull­mann MdEP aus Hes­sen, begrüßt unter beson­de­rem Hin­weis auf die lan­ge sozi­al­de­mo­kra­ti­sche Tra­di­ti­on Bre­mens und auf Wer­der Bre­men. Ein Hin­weis auf einen Teil sei­nes Stu­di­ums in Bre­men! Wäh­rend der Frak­ti­ons­sit­zung wur­den in unse­rer Anwe­sen­heit die Tages­ord­nungs­punk­te und deren Behand­lung im Ple­num des EP zu fol­gen­den Punk­ten dis­ku­tiert:
· Umgang mit inves­ti­ga­ti­vem Jour­na­lis­mus in Euro­pa (Mal­ta, Slo­va­kei, Mafia)
· Eine Per­so­nen­wahl (Vize­prä­si­dent von den Rechts­kon­ser­va­ti­ven)
· Ergeb­nis­se des infor­mel­len Minis­ter­rats vor eini­gen Tagen zum zukünf­ti­gen Finan­zie­rungs­rah­men
· Tür­ki­sche Pro­vo­ka­tio­nen gegen die EU vor Zypern und in der grie­chi­schen Ägä­is
· Euro­päi­sche Wah­len mit gemein­sa­men Spit­zen­kan­di­da­ten
· Behand­lung der pol­ni­schen Ent­wick­lun­gen gegen EU-Recht und – Wer­te.
Die freund­li­che Offen­heit der S&D- Frak­ti­on gegen­über den Besu­chern aus den eige­nen Par­tei­krei­sen war bei­spiel­haft. Man soll­te bei sol­cher Trans­pa­renz im EP auch in der Bre­mer Bür­ger­schafts­frak­ti­on der SPD ein­mal über­le­gen, ob Zuhö­rer nicht zu den Frak­ti­ons­sit­zun­gen zuge­las­sen wer­den soll­ten, um eine bes­se­re inhalt­li­che Ver­zah­nung zwi­schen Abge­ord­ne­ten und Basis her­zu­stel­len.
Nach der Mit­tags­pau­se tra­fen wir uns nach eini­gen Infor­ma­tio­nen durch den Besu­cher­dienst des EP mit Joa­chim Schus­ter zum Gespräch. Die The­men kreis­ten um die Berei­che Finanz­rah­men für die nächs­ten sie­ben Jah­re nach dem Bre­x­it ohne € 12 Mrd. aus dem United King­dom, Spar­mög­lich­kei­ten/-risi­ken in der Agrar­po­li­tik und in der Struk­tur­för­de­rung, Finanz­trans­ak­ti­ons­steu­er und Har­mo­ni­sie­rung der Unter­neh­mens­steu­ern, trans­na­tio­na­le Wahl­lis­ten und Zwang zu euro­pa­wei­ten Spit­zen­kan­di­da­ten.

Visi­tors group Joa­chim SCHUSTER

Nach einem offi­zi­el­len Foto­ter­min mit Joa­chim Schus­ter folg­te der Gang auf die Besu­cher­tri­bü­ne des EP. Nach unat­trak­ti­ven aber wohl erfor­der­li­chen Pro­to­koll­ge­neh­mi­gun­gen folg­te ein enga­gier­ter Auf­tritt von Chris­tos Sty­lia­ni­des (Zypern), Kom­mis­sar für Huma­ni­tä­re Hil­fe und Kri­sen­ma­nage­ment. Herr Sty­lia­ni­des for­der­te von der EU deut­li­che For­de­run­gen an die Krieg füh­ren­den Par­tei­en in Syri­en, die Mas­sa­ker an der zivi­len Bevöl­ke­rung in Ost-Ghu­ta nicht nur stun­den­wei­se, son­dern grund­sätz­lich und unbe­fris­tet, zu been­den. Die Gescheh­nis­se, mit denen sich Russ­land und der Iran als Betei­lig­te ein­fach nicht aus­ein­an­der­set­zen wol­len, wären das Ende jeg­li­cher Zivi­li­sa­ti­on. Lei­der war wegen des Besu­cher­an­drangs ein län­ge­res Ver­wei­len im Par­la­ment nicht mög­lich.

DG ECHO

Wäh­rend sich die Mehr­heit der Bre­mer Besu­cher­grup­pe danach in den Bereich „Frei­zeit“ beweg­te, hat­te die AIA-Grup­pe noch als Beson­der­heit einen Ter­min bei einem Res­sort der Kom­mis­si­on. Dadurch, dass eine ehe­ma­li­ge Mit­strei­te­rin aus dem AIA seit rund 15 Jah­ren bei der Kom­mis­si­on beruf­lich tätig ist, ergab sich die Mög­lich­keit eines Ein­blicks in einen Bereich der eigent­li­chen Regie­rungs­ar­beit.
Cate­ri­ne Ebah-Moussa stell­te uns das Kom­mis­sa­ri­at „Huma­ni­tä­re Hil­fe und Kri­sen­ma­nage­ment“ vor, wel­ches in enger Abstim­mung mit den in den Berei­chen der Außen­po­li­tik der EU täti­gen Kom­mis­sa­ria­ten agiert. Ziel ist eine bedarfs­ori­en­tier­te Not­hil­fe welt­weit zu leis­ten, wenn Regie­run­gen und loka­le Akteu­re über­for­dert sind. Die EU reagiert sowohl auf von Men­schen ver­ur­sach­te Kri­sen als auch auf Natur­ka­ta­stro­phen. Die Hil­fe gilt immer den Men­schen und nicht den Regie­run­gen. Die Schwer­punk­te der letz­ten Jah­ren waren Syri­en (Bür­ger­kriegs­op­fer), Grie­chen­land und Tür­kei (wegen der Belas­tun­gen durch die Geflüch­te­ten), der Süd­su­dan (Bür­ger­kriegs­ver­trie­be­ne) so- wie der Kon­flikt in der Ost-Ukrai­ne mir rund 3 Mio. Bin­nen­ver­trie­be­nen. Mit weni­ger als 1% des EU-Etats wer­den jähr­lich über 120 Mio. Men­schen unter­stützt. Bei der Bud­get­ver­wen­dung gel­ten die Grund­sät­ze Huma­ni­tät, Neu­tra­li­tät, Unpar­tei­lich­keit und Unab­hän­gig­keit. Die Haupt­hilfs­re­gio­nen sind Afri­ka mit 43% und der Mitt­le­re Osten und euro­päi­sche Nach­barn mit 41%. Von den Finanz­hil­fen lau­fen 51% über die UN und 37% über NRO. Das Kom­mis­sa­ri­at betreibt zehn regio­na­le Büros im Glo­ba­len Süden, beschäf­tigt 150 inter- natio­na­le Exper­ten im Bereich huma­ni­tä­res Han­deln und hat 315 natio­na­le Mit­ar­bei­ter in der EU-Ver­wal­tung. Das ein­drucks­vol­le Kri­sen­zen­trum umfasst auf 24 u.a. auch gro­ßen Wand­mo­ni­to­ren glo­ba­le Risi­ko­be­rei­che, erhält in glo­ba­ler Echt­zeit Infor­ma­tio­nen zu Risi­ko­si­tua­tio­nen (z.B. Stür­me, Über­flu­tun­gen, Erd­be­ben) und koor­di­niert gemein­sa­me euro­päi­sche Hilfs- und Abwehr­ope­ra­tio­nen. Obwohl das Kri­sen­zen­trum rund um die Uhr besetzt ist, hat­ten wir Gele­gen­heit, den Bereich zu betre­ten und zu besich­ti­gen.

re. Cate­ri­ne Ebah-Moussa

Außer­dem ist ein wich­ti­ger Bereich die Betreu­ung und die Aus­bil­dung von „EU Aid Vol­un­te­ers“ für huma­ni­tä­re Hilfs­ein­sät­ze jun­ger Men­schen für die Kata­stro­phen­hil­fe und Wie­der­auf­bau und für Ent­wick­lung bei Kata­stro­phen und Not­si­tua­tio­nen. Dank an Cate­ri­ne Ebah-Moussa für die­se Infor­ma­tio­nen!

Ausschuss der Regionen

Am letz­ten Tag war nach einer Stipp­vi­si­te in der Bre­mer Ver­tre­tung mit einer kur­zen Prä­sen­ta­ti­on der Auf­ga­ben in Brüs­sel das Ziel der Besu­cher­grup­pe der Euro­päi­sche Aus­schuss der Regio­nen (AdR), die par­la­men­ta­ri­sche Ver­tre­tung der Regio­nen und Kom­mu­nen. Der AdR umfasst 350 Dele­gier­te. Bre­men wird der­zeit durch Staats­rä­tin Ulri­ke Hil­ler bzw. im Ver­hin­de­rungs­fall durch Dr. Hen­ri­ke Mül­ler, MdBB (Vor­sit­zen­de des Euro­pa­aus­schus­ses der Bre­mi­schen Bür­ger­schaft) von den GRÜNEN als Teil der SPE-Frak­ti­on im AdR ver­tre­ten. Durch die lau­fen­den regio­na­len und kom­mu­na­len Ver­än­de­run­gen erge­ben sich kon­ti­nu­ier­lich Ver­än­de­run­gen in der Zusam­men­set­zung des Aus­schus­ses. Aktu­ell sieht der AdR sei­ne Prio­ri­tä­ten in der Zukunft der EU- Regio­nal­po­li­tik, der EU-Migra­ti­ons­po­li­tik, im Kli­ma­wan­del und in der För­de­rung nach­hal­ti­ger Ener­gie sowie in der Euro­pa­wahl am 24. Mai 2019. In der Dis­kus­si­on mit der Ver­tre­te­rin des AdR kom­men die The­men „Ein­be­zie­hung der Bür­ger in die Dis­kus­si­on um die Zukunft Euro­pas“ sowie die „schlech­te Außen­dar­stel­lung des AdR“ zur Rede.
Nach einer sat­ten Por­ti­on Pom­mes Fri­tes für vie­le Mit­glie­der der Bre­mer Besu­cher­grup­pe bei Mai­son Antoi­ne am Brüs­se­ler Place Jour­dan macht sich die Grup­pe nach drei äußerst inter­es­san­ten Tagen wie­der auf den Heim­weg nach Bre­men.

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